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Simon Wiesenthal im Zitat

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Ich habe nach meiner Befreiung vor 50 Jahren den Kampf um die Gerechtigkeit aufgenommen und brachte dazu eine positive Voraussetzung mit: ich war kein Hasser und kein Fanatiker. Diese Einstellung ermöglichte es mir, meine Arbeit über fünf Jahrzehnte durchzuhalten, ohne durch negative Gefühle gestört zu werden. Man hat meine Motive viele Jahre lang verkannt oder absichtlich mißverstanden, und in Neonazi-Schriften wurde ich als Hasser und bösartiger Rächer dargestellt. Ich habe meine Tätigkeit immer als Beitrag zur Sühne an den Opfern der aus Haß vollbrachten Verbrechen gesehen.

Schon bald nach Beginn meiner Tätigkeit habe ich mir selbst zwei Prinzipien zu eigen gemacht - und heute erlebe ich die Satisfaktion, daß ich mich seither daran gehalten habe bezw. die Richtigkeit dieser Grundsätze erfahren konnte. Der erste Grundsatz ist „Zuerst Wahrheit, dann Gerechtigkeit“, der zweite „Information ist Abwehr“.

2
Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Die Antwort, die ich für mich gefunden habe (und die keineswegs die Antwort jedes Überlebenden sein muß), lautet: Ich will ihr Sprachrohr sein, ich will die Erinnerung an sie wachhalten, damit die Toten in dieser Erinnerung weiterleben können.

3
Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können. Information ist Abwehr.

Es genügt nicht, daß alles schon in Büchern festgehalten wurde, denn ein Buch kann man im Gegensatz zu einem Menschen nicht befragen. Ein Zeuge muß ein „lebendiger“ Zeuge sein. Deshalb habe ich bei Versammlungen Überlebender, auf denen ich gesprochen habe, immer wieder gemahnt: „Ihr habt Kinder, ihr habt Enkelkinder, eure Nachbarn haben Kinder - ihr müßt zu ihnen sprechen. Ihr müßt ihnen alles erzählen, was ihr erlebt habt, und ihre Fragen provozieren, damit auch sie weitererzählen können. Nur in der mündlichen Erzählung bleibt die Erinnerung lebendig.“

4
Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich bei meinen Vorträgen Worte suchen sollte, die meine Zuhörer zu Tränen bewegen. Aber ich glaube, damit machte man es sich zu leicht. Tränen fließen schnell - ein kitschiger Rührfilm im Kino an der nächsten Ecke genügt. Das, was ich hervorbringen will, ist Wissen um das Grauen und Wissen um die Gefahr. Ich möchte, daß meine Zuhörer nicht so sehr hier und heute betroffen sind als vielmehr, daß diese Betroffenheit ihr ganzes Leben hindurch in ihnen wachgerufen werden kann. So erzähle ich ihnen also nicht nur, daß viele Städte Europas bei Kriegsende dem Erdboden gleich und mit Leichen übersät waren, sondern ich erzähle ihnen auch, daß sie wieder aufgebaut wurden und daß das Leben dort weitergeht. Aber sie sollen, wenn sie Coventry und Dresden, wenn sie Nürnberg oder Frankfurt aufsuchen, wissen, daß diese neuen Häuser auf dem Schutt von gestern stehen. Sie sollen, wenn sie auf einem Bahnhof warten und sich auf eine Reise in den Osten freuen, hin und wieder daran denken, daß durch denselben Bahnhof Züge mit Hunderttausenden Todgeweihten nach Osten rollten. In Wirklichkeit wäre es angemessen, an jedem dieser Bahnhöfe ein Schild anzubringen, auf dem es heißt: „Hier sind zwischen 1942 und 1945 Tag für Tag Züge durchgefahren, die nur die eine Aufgabe hatten, Menschen der Vernichtung zuzuführen.“ Man kann diese Tafeln nicht überall anbringen - aber man kann sie im Kopf behalten.

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Die Menschen können nicht anders, als zu beschließen: „Das Leben geht weiter.“ Man kann wahrscheinlich nicht mit dem ständigen Bewußtsein von fünfzig Millionen Toten, darunter sechs Millionen ermordeter Juden, leben, sonst muß man verrückt werden. Und dennoch kommt es mir manchmal ebenso verrückt vor, daß man nach nur wenigen Jahrzehnten so tun kann, als hätte es diesen Berg von Leichen nicht gegeben.

6
Seit unserer Befreiung sind wir gebrannte Kinder; wie Seismographen reagieren wir auf Erschütterungen in Bezug auf die Verletzung der Menschenrechte. Wir beziehen Stellung zu Ereignissen, die sich auf anderen Kontinenten tausende Kilometer von uns entfernt abspielen, denn wir glauben, allen Menschen die Konsequenzen aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen vermitteln zu müssen. Umso mehr nahmen und nehmen wir Stellung zu Verletzungen der Menschenrechte in der Welt und identifizieren uns mit den Geknechteten, Entwürdigten und für ihre Gesinnung Eingekerkerten.
[…]
Beim Widerstand müssen wir unterscheiden zwischen zwei Begriffen, der Pflicht zum Widerstand und dem Recht auf Widerstand. Ich glaube, die beiden Begriffe ergänzen einander. Die Praxis zeigt, daß dann, wenn die Pflicht zum Widerstand gegen die Verletzung von Menschenrechten schon früh, schon bei den ersten Anzeichen geübt wird, es später nicht notwendig ist, sich auf das Recht zum Widerstand zu berufen. Die unselige Vergangenheit, deren Zeugen wir waren und deren Auswirkungen wir am eigenen Leib verspürt haben, machen es uns zur Pflicht, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.
[…]
Wann beginnt nun die Pflicht zum Widerstand? […] Sie beginnt dort, wo die Kränkung der Menschen durch die Verletzung ihrer Rechte beginnt. Wenn die Menschen von Anfang an Widerstand leisten, dann brauchen sie später keinen heroischen Kampf, denn die, die die Menschenrechte verletzen, sind immer in der Minderheit und man muß ihnen nur rechtzeitig, bevor es zu spät ist, die Grenzen ihrer Macht zeigen.

In vielen Fällen setzt es Zivilcourage voraus seine Meinung offen zu sagen. Natürlich kann in demokratischen Ländern, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung besteht, leicht davon Gebrauch gemacht werden, und das soll es auch. Unsere Trägheit darf nicht dazu führen, daß die Herrschenden sich daran gewöhnen, daß die öffentliche Meinung schläft.
[…]
Je mehr Nonkonformisten es gibt, um so schwerer haben es die Diktatoren.

7
Ich habe in gut hundert Universitäten in den Vereinigten Staaten und Europa zu Studenten über das Problem von Freiheit und Diktatur gesprochen. Viele junge Menschen von heute möchten gerne gegen die Gestapo, gegen die SS, gegen Hitler kämpfen, sie möchten die Juden vor der Ermordung bewahren und den Weltkrieg vermeiden. Das sind heroische Ziele. Aber es gibt dort, wo sie leben, keinen Hitler, keine Gestapo und keine SS. Sie müssen begreifen, daß es das alles auch in den Dreißigerjahren nicht gegeben hat, daß es gewachsen ist, erst langsam und unbemerkbar, dann immer schneller. Bis es zu spät war.

Deshalb muß man von Beginn an kämpfen. „Ihr müßt“, habe ich versucht, ihnen zu sagen, „gegen die kleinen Ungerechtigkeiten zu Felde ziehen – das erfordert manchmal genauso viel Zivilcourage und Mut wie der Kampf gegen das große Unrecht. Wenn einer wegschaut, wie sein Arbeitskollege grundlos verleumdet wird, und sich freut, daß er vielleicht dessen Position erklimmen kann, dann handelt er nicht anders als einer, der damals weggeschaut hat, als man die Juden die Gehsteige aufwischen ließ, und der sich gefreut hat, in ihre leergewordene Wohnung einzuziehen. Ich glaube, daß die Menschen, die damals den großen Widerstand geleistet haben, heute den kleinen Widerstand übten.“

Wenn einer heute nur den großen Widerstand gegen Hitler leisten will, dann habe ich den Verdacht, daß er dem kleinen Widerstand gegen das heutige Unrecht ausweichen möchte.

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Obwohl ich immer hoffe, daß wir aus der Geschichte lernen, habe ich zugleich die Angst, daß wir nichts dazulernen könnten und dieselben Fehler unter neuen Bedingungen wiederholen. Dazu zählt, daß wir meinen, die Demokratie sollte nicht gleich alle ihre Muskeln anspannen, um faschistische Gruppen zu bekämpfen. Dazu gehört, daß wir Angst haben, Recht gegen das Unrecht einzusetzen.

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In einer Fernsehdiskussion habe ich einmal gesagt: „Hitler hat nicht nur Millionen Juden und Millionen seiner Gegner umgebracht, er hat auch Millionen Deutsche und Millionen Österreicher moralisch zerstört. – Und das auf Generationen hinaus. Zu den Opfern zu gehören, ist furchtbar – aber noch furchtbarer ist es, zu den Tätern zu zählen“.

Die Kinder derer, die im Nationalsozialismus auf Seiten der Opfer standen, und die Kinder derer, die zu den Tätern gehörten, leben in Österreich und Deutschland nebeneinander und müssen miteinander leben. Wie können wir dieses Zusammenleben so gestalten, daß nie wieder eine Generation von Tätern und Opfern heranwächst? Ich glaube, es gibt dafür keine andere Lösung, als uns immer wieder mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. Es hat keinen Sinn, die Schuld zu verharmlosen, um es den Söhnen und Töchtern leichter zu machen, das Versagen ihrer Väter und Großväter, Mütter und Großmütter zu ertragen. Die ganze Schuld muß offenbar sein – nur so kann die ganze Schuld verstanden werden.

Textnachweise

  • Simon Wiesenthal, Rede anlässlich der Zuerkennung des Ehrenpreises für Toleranz des Österreichischen Buchhandels, 6. November 1995 (Quelle = Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes)
  • Simon Wiesenthal, Widerstand und Menschenrechte, Typoskript (Quelle = Dokumentationszentrum des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes)
  • Simon Wiesenthal, An junge Menschen, aus: Recht, nicht Rache. Erinnerungen, Frankfurt am Main/Berlin 1988, S. 429-442 (= Kapitel XLVIII)


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Rosa-Maria Austraat, Avshalom Hodik, Lothar Hölbling, Sabine Loitfellner, Ingo Zechner

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