Vom Vermächtnis zur Forschung
„Schon seit einiger Zeit beschäftigt mich der Gedanke, welcher Institution ich die Bestände meines Archivs anvertrauen soll, damit die Fülle an interessantem Material bestmöglich der historischen Forschung zugänglich gemacht werden kann“,
so Simon Wiesenthal 2002 – drei Jahre vor seinem Tod. Er beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie und wo sein umfangreiches Archiv langfristig gesichert und zugleich wissenschaftlich erschlossen werden könnte, da ihm bewusst war, dass die Suche nach noch lebenden NS-Täter:innen an ein biologisches Ende gelangen würde und künftig die Forschung im Mittelpunkt stehen müsse.
In den frühen 2000er-Jahren gab es Bestrebungen für ein internationales Shoah-Forschungszentrum in Wien. Wiesenthals Anliegen, seine Archivbestände zu sichern, Forschung zu ermöglichen und Öffentlichkeit herzustellen, bildeten einen zentralen Impuls für das entstehende Konzept. Nach seinem Tod 2005 wurde die inhaltliche und organisatorische Ausarbeitung von einer internationalen Expert:innengruppe weitergeführt, unterstützt von Vertreter:innen der Stadt Wien, der Republik Österreich und der Israelitischen Kultusgemeinde.
2008 legte ein Ministerratsbeschluss die Basisfinanzierung fest und schuf damit die strukturelle Grundlage für das neue Institut, das zu gleichen Teilen von der Stadt Wien und der Republik Österreich getragen wird. 2009 nahm das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies (VWI) seine Arbeit auf. Es verstand sich von Beginn an als unabhängige wissenschaftliche Einrichtung mit internationaler Ausrichtung und einer Dreiteilung seiner Aufgaben: Dokumentation, Forschung und Vermittlung. Zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung entstand ein international besetzter Beirat, der fachliche Impulse gibt, Forschungsprioritäten mitentwickelt und das Institut langfristig begleitet.
In einer mehrjährigen Aufbauphase wurden die zentralen Strukturen geschaffen: eine fachspezifische Bibliothek, der Aufbau eines professionellen Archivs mit Wiesenthals Nachlass als Kernbestand, die Entwicklung eines eigenständigen Forschungsprofils sowie die Konzeption eines internationalen Fellowship-Programms. Parallel entstand ein akademisches Veranstaltungsprogramm mit internationalen Konferenzen und Workshops. Zusätzlich entwickelte das VWI unterschiedliche Vermittlungsformate, die wissenschaftliche Expertise einer breiten Öffentlichkeit nahebringen.
2012 absolvierten die ersten Forscher:innen ihr Fellowship am VWI. Seit 2014 erscheint das institutseigene e-Journal S:I.M.O.N. – Shoah: Intervention. Methods. Documentation., das internationale Beiträge zu Holocaustforschung, Antisemitismus und Erinnerung veröffentlicht. Gleichzeitig wurde nach einem geeigneten Standort gesucht, der Bibliothek, Archiv, Forschung und Vermittlung unter einem Dach vereinen kann.
Anfang 2017 bezog das VWI seinen heutigen Sitz am Rabensteig 3 im Zentrum Wiens. Mit dem neuen Gebäude entstand erstmals ein Ort, der alle Bereiche des Instituts zusammenführt: Arbeitsräume für Fellows, Archiv- und Bibliotheksbereiche, einen Veranstaltungsraum und Büros. Im Erdgeschoß wurde zeitgleich das Museum Simon Wiesenthal – Die Zukunft des Erinnerns eingerichtet. Es zeigt das Wirken Wiesenthals nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen, vermittelt seine Motivation und Methodik und verortet seine Rolle in der österreichischen Zeitgeschichte. Damit erhielt das Institut einen öffentlich zugänglichen Raum, der das historische Vermächtnis seines Mitinitiators und Namensgebers sichtbar macht.
Seit seiner Gründung hat sich das VWI zu einer international vernetzten Forschungsinstitution entwickelt. Es koordiniert die österreichische EHRI-Plattform EHRI-AT, arbeitet mit Universitäten, Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen weltweit zusammen und fördert durch seine Programme, Publikationen und Sammlungen die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, Genoziden und den Verbrechen des Nationalsozialismus.