Simon Wiesenthal (1908-2005)

Simon Wiesenthal wird am 31. Dezember 1908 in Buczacz (Butschatsch), damals Teil der Österreich-Ungarischen Monarchie, geboren. Während des Ersten Weltkriegs flieht seine Mutter mit den beiden Söhnen nach Wien und kehrt nach Kriegsende nach Buczacz zurück. Der Vater fiel an der russischen Front. Wiesenthal will im nun polnischen Lwiw (Lemberg) Architektur studieren, muss jedoch aufgrund antisemitischer Zugangsbeschränkungen an polnischen Universitäten nach Prag ausweichen. 1936 heiratet er seine Schulfreundin Cyla Müller und eröffnet in Lwiw ein Architekturbüro.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt fällt die Region 1939 an die Sowjetunion und Wiesenthal verliert sein Büro. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 beginnt für die jüdische Bevölkerung ein beispielloser Terror. Wiesenthal wird festgenommen und in das Zwangsarbeitslager Janowska gebracht. Es folgen weitere Lager und Ghettos, darunter Płaszów und Auschwitz. Seine Frau überlebt unter falscher Identität. Wiesenthal wird im Mai 1945 schwer geschwächt im KZ Mauthausen von US-Truppen befreit.

Unmittelbar nach seiner Befreiung beginnt er mit der Sammlung von Aussagen und Dokumenten zu NS-Verbrechen. Er arbeitet zunächst für US-Behörden, unterstützt Überlebende bei der Suche nach Angehörigen und bemüht sich, deren traumatische Erfahrungen öffentlich sichtbar zu machen. In Linz gründet er die „Jüdische Historische Dokumentation“, die frühe Ermittlungen unterstützt und Hinweise zu NS-Täter:innen an alliierte Behörden weiterleitet. Doch mit dem Aufkommen des Kalten Kriegs und dem österreichischen Staatsvertrag verlieren die Behörden zunehmend das Interesse an einer systematischen Strafverfolgung. Zahllose Ermittlungen werden eingestellt oder bleiben folgenlos. Frustriert schickt Wiesenthal einen Großteil der Materialien an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Die Ergreifung des NS-Verbrechers Adolf Eichmann in Argentinien 1960 macht Wiesenthal schlagartig weltweit bekannt. Er hat über Jahre Hinweise gesammelt und an israelische Stellen übermittelt. Die mediale Wirkung des Prozesses in Jerusalem verleiht seiner Arbeit neue Aufmerksamkeit. Wiesenthal nutzt dieses Momentum und gründet in Wien das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes (BJVN). Von hier aus recherchiert er in den folgenden Jahrzehnten international nach NS-Täter:innen, übergibt Hinweise an Behörden, versorgt Journalist:innen, Historiker:innen und Jurist:innen mit Informationen und trägt zur Einleitung zahlreicher Verfahren bei.

Seine Arbeit findet jedoch unter schwierigsten Bedingungen statt. Das Dokumentationszentrum bleibt ohne staatliche Unterstützung und die öffentliche Stimmung in Österreich ist ihm oft feindlich gesinnt. Wiesenthal und seine Frau werden beschimpft und bedroht. 1982 entgehen sie nur knapp einem Bombenanschlag auf ihre Wiener Wohnung. Auch auf politischer Ebene gibt es viel Gegenwind und Missgunst. 1975 kommt es zum offenen Konflikt mit Bundeskanzler Bruno Kreisky, nachdem Wiesenthal die NS-Vergangenheit des FPÖ-Politikers Friedrich Peter thematisiert. Kreisky greift Wiesenthal öffentlich an und unterstellt ihm, ein Naheverhältnis zur Gestapo gehabt zu haben. Die Auseinandersetzung spiegelt den österreichischen Umgang mit der NS-Vergangenheit bis in die 1980er-Jahre wider.

Trotz dieser Widerstände wird Wiesenthal international zu einer zentralen Stimme der Aufarbeitung. Er tritt als Vortragender und Autor hervor, veröffentlicht Bücher, berät Filmemacher:innen und Journalist:innen und stärkt den Dialog zwischen Überlebenden, Forschung und Öffentlichkeit. Seine konsequente Haltung – zusammengefasst im Motto „Recht, nicht Rache“ – prägt sein Selbstverständnis als Dokumentar, nicht als Rächer.

Wiesenthal steht nach 1945 in engem Austausch mit zahlreichen Überlebenden, die ihn mit Informationen über Täter:innen, verschwundene Angehörige oder lokale Ereignisse versorgen. Diese Hinweise dokumentiert er ebenso akribisch wie seine eigenen Nachforschungen. Im Laufe der Jahre entsteht ein umfangreiches Archiv zu nationalsozialistischen Personen, Tatorten und Tatkomplexen.

Bis zu seinem Tod 2005 widmet sich Wiesenthal der Recherche zu NS-Verbrechen, der Unterstützung von Überlebenden und der öffentlichen Aufklärung über Antisemitismus und rassistische Kontinuitäten. Rund 3.000 Täter:innen identifiziert er im Laufe seines Lebens. Mehr als ein Drittel der Fälle führt zu Ermittlungs- oder Gerichtsverfahren. Sein umfangreiches Archiv – etwa 8.000 Dossiers, nahezu seine komplette Korrespondenz und persönliche Dokumente – wird heute im Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies (VWI) aufbewahrt und erschlossen. Es bildet eine zentrale Grundlage für die Forschung und ist gleichzeitig selbst Zeugnis des Umgangs mit den Verbrechen des Nationalsozialismus.