Bibliothek

Newsletter

PDF Abonieren

YouTube-Kanal

Simon Wiesenthal Lectures

 

Die Vortragsreihe der Simon Wiesenthal Lectures hat sich seit 2007, noch in der Aufbauphase des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI), in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien als tragendes Element der Vermittlung neuerer wissenschaftlicher Ergebnisse im Bereich der Holocaustforschung bzw. der Holocaust- und Genozid-Studien zum Flaggschiff der Vermittlungstätigkeit des VWI entwickelt.

 

Die regelmäßig, alle sechs bis acht Wochen stattfindende Vortragsreihe setzt sich zum Ziel, mithilfe renommierter Wissenschafterinnen und Wissenschafter die aktuellsten Forschungsergebnisse zum Holocaust sowohl einem Fach- als auch einem breiteren Publikum zu präsentieren – und dabei das beeindruckende Spektrum dieser Disziplin, die zahlreichen Frage- und Problemstellungen von der empirisch-analytischen Historiografie bis zu kulturwissenschaftlichen Themen, jüngere Wissenschafterinnen und Wissenschafter ebenso wie bereits arrivierte zu berücksichtigen.

 

Mit dem Österreichischen Staatsarchiv als Kooperationspartner hat sich seit Juni 2010 das Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am Wiener Minoritenplatz als idealer Veranstaltungsort der Lectures etabliert. Auf der Rückfront des Bundeskanzleramts befindlich, erzählt dieser Schauplatz symbolisch gleichzeitig ein wenig die Geschichte der Aufarbeitung des Holocaust in Österreich: Jahrzehntelang wurde er ja, ebenso wie seine unmittelbare Vorgeschichte, der österreichische Antisemitismus, marginalisiert, aus der eigenen Geschichte ausgenommen und dessen Aufarbeitung den Opfern und ihren Nachkommen zugeschanzt. Erst in jüngster Zeit hat sich dies geändert. Gleichzeitig damit rückte die Schoah auch mehr und mehr in das Zentrum des österreichischen Geschichtsbewusstseins, geriet von der verdrängten Peripherie, aus dem Tabu und Schweigen langsam in den Fokus zum Verständnis der jüngsten Geschichte Österreichs. Somit sind die Simon Wiesenthal Lectures an einem Ort, der das symbolische und reale Zentrum der Republik repräsentiert, eben auch Ausdruck dieser Wende in der österreichischen Geschichtsauffassung.

   

 

Simon Wiesenthal Lecture
Martin Sabrow: Von der Aufklärung zur Affirmation? Zur Krise der Erinnerungskultur
   

Donnerstag, 16. Mai 2019, 18:30 - 20:00

Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, 1010 Wien, Minoritenplatz 1

 

In Deutschland hat sich seit den 1960er-Jahren erst zögerlich, dann in bemerkenswertem Schulterschluss von Wissenschaft, Politik und öffentlicher Geschichtskultur eine Erinnerungskultur etabliert, die auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen unheilvollen Vergangenheit abstellt. Sie hat in ihrem schonungslosen Aufklärungsanspruch in den vergangenen Jahrzehnten einen geschichtskulturellen Grundkonsens ausgebildet, den nicht erst die jetzige Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag zu einem „Teil unseres nationalen Selbstverständnisses“ erklärte.

Doch die Zeichen mehren sich, dass dieses Paradigma einer entschlossenen und kritischen Neubefragung verdrängter und verschwiegener Geschichte an Geltungskraft verloren hat. Das Anschwellen des Rechtspopulismus in Deutschland und die signifikant geringere Demokratieakzeptanz in Ostdeutschland werfen im Gegenteil die Frage auf, ob der Glaube an eine gefestigte demokratische Erinnerungskultur nicht in die Irre geführt und die in Deutschland betriebene Vergangenheitsaufarbeitung ihre Aufgabe verfehlt habe, über die Auseinandersetzung mit den untergegangenen Diktaturen die Zukunft der Demokratie zu sichern.

Der Vortrag geht den Ursachen dieser neuen Ungewissheit nach. Er zeichnet den schleichenden Wandel von kritischer Selbstbefragung zu affirmativer Selbstbestätigung nach, der die Verständigung über die unheilvolle Vergangenheit in Deutschland seit den 1990er-Jahren zunehmend prägt, und erörtert mögliche Auswege aus der immer deutlicher werdenden Krise der Erinnerungskultur.

Martin Sabrow ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam. Für seine Biographie Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945, München 2016 wurde er 2017 mit dem Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung ausgezeichnet.

Jüngste Veröffentlichungen: Zeitgeschichte schreiben in der Gegenwart, Göttingen 2014; Historische Authentizität (mit Achim Saupe), Göttingen 2016; Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage 1893–2000 (mit Matthias Berg/Olaf Blaschke/Jens Thiel/Krijn Thijs), Göttingen 2018.

67 Sabrow Cover

 

Zurück

Oktober 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3


Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) wird gefördert von:

 

bmbwf 179

 

wienkultur 179

 

  BKA 179