Fellows
Durch den laufenden Austausch von Gastforscherinnen und -forschern in Form von Senior-, Research- und Junior-Fellowships, sichert das VWI die laufende Innovation seiner Forschungsagenden. Junge Forscherinnen und Forscher und erfahrene Wissenschafterinnen und Wissenschafter sollen so in einem wechselseitigen Dialog ihre Fragestellungen erarbeiten, die Ergebnisse in Form von Tagungen, Vorträgen und Publikationen der Öffentlichkeit präsentieren und ihr Wissen in laufende Forschungs- und Vermittlungsprojekte einbringen. Auf diese Weise bietet das jährlich ausgeschriebene Fellowship-Programm dem VWI die Chance, die besten und interessantesten Forscherinnen und Forscher unterschiedlichen Alters und aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen aus dem In- und Ausland nach Wien zu holen bzw. temporär an das Institut zu binden, ohne deren akademische oder sonstige Karrieren zu unterbrechen. Ziel des Programms ist es, durch eine breite Streuung des regionalen Hintergrunds, der methodischen Zugänge und die Mischung der akademischen Disziplinen die Diversität des Programms zu sichern.
Paul
Weindling
Medizinwissenschaften in Österreich unter dem NS-Regime.
Zwangsemigration und medizinische Experimente
Das Forschungsvorhaben besteht aus zwei Elementen:
1. die Verfolgung und Emigration der Wiener jüdischen Ärzte und Ärztinnen, und
2. die österreichischen Opfer medizinischer Experimente und Zwangsforschung.
Beide werden versuchen, österreichische Dokumente auszuwerten, mit dem Ziel, eine biografische Datenbank der Opfer sowohl in einem NS- als auch europäischen Kontext zu entwickeln. Die österreichische Umsetzung der NS-Verfolgung ist hier von besonderem Interesse. Im medizinischen Bereich wurden unmittelbar nach dem ‚Anschluß’ die Maßnahmen des NS-Regimes mit Entlassungen im Bereich der Universitäten und Krankenhäuser, der Kündigung von Versicherungen und der Aberkennung akademischer Titel sehr rasch durchgesetzt. Diese gegen Mediziner gerichteten Schritte waren gleichzeitig vom Terror der Straße begleitet, von Vandalismus, Enteignungen, Boykotten, Razzien und ersten Transporten in die KZs. Der relativ hohe Anteil von Jüdinnen und Juden in der Wiener Ärztekammer brachte auch mit sich, dass die Auswirkungen auf die jüdische Gemeinde ebenso folgenschwer waren. Hier werden die Unterlagen aus dem Archiv der IKG ermöglichen, die Strategien und Antworten auf die Verfolgungen, die Vorbereitungen auf die Emigration näher zu untersuchen.
Aber ebenso sind die österreichischen Erfahrungen mit NS-Experimenten im medizinischen Bereich von immenser Bedeutung, war doch eine große Zahl von Klinikern in solchen medizinischen Zwangsversuchen involviert. Hier sind nicht nur die Tötungen in den Kinderfachabteilungen und psychiatrischen Kliniken von Bedeutung, sondern auch die Gehirnforschung: Hier werden die Dokumente und Unterlagen von österreichischen Überlebenden dieser Experimente von äußerster Wichtigkeit sein.
Paul Julian Weindling ist Research Professor für Medizingeschichte an der Oxford Brookes University. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Geschichte der Eugenik und der Sozialfürsorge, NS-Zwangsforschung und -Experimenten sowie deren Opfern, bzw. der Geschichte des internationalen Gesundheitswesens. Seine jüngste Publikation ist Victims and Survivors of Nazi Human Experiments: Science and Suffering in the Holocaust.