Fellows

Durch den laufenden Austausch von Gastforscherinnen und -forschern in Form von Senior-, Research- und Junior-Fellowships, sichert das VWI die laufende Innovation seiner Forschungsagenden. Junge Forscherinnen und Forscher und erfahrene Wissenschafterinnen und Wissenschafter sollen so in einem wechselseitigen Dialog ihre Fragestellungen erarbeiten, die Ergebnisse in Form von Tagungen, Vorträgen und Publikationen der Öffentlichkeit präsentieren und ihr Wissen in laufende Forschungs- und Vermittlungsprojekte einbringen. Auf diese Weise bietet das jährlich ausgeschriebene Fellowship-Programm dem VWI die Chance, die besten und interessantesten Forscherinnen und Forscher unterschiedlichen Alters und aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen aus dem In- und Ausland nach Wien zu holen bzw. temporär an das Institut zu binden, ohne deren akademische oder sonstige Karrieren zu unterbrechen. Ziel des Programms ist es, durch eine breite Streuung des regionalen Hintergrunds, der methodischen Zugänge und die Mischung der akademischen Disziplinen die Diversität des Programms zu sichern.

Menü

Devrim
Sezer

Research Fellow
02/2019 - 07/2019

Im Schatten vergangenen Unrechts.

Schuld, Verantwortung und die Politiken der Erinnerung

Wie die Themen Völkermord und kollektive Verantwortung in den Werken von Karl Jaspers, Hannah Arendt und Raphael Lemkin aus türkischer Sicht be- und verhandelt werden, steht im Vordergrund dieses Forschungsvorhabens. Zentrale Prämisse dabei ist, dass die Türkei sich nie mit dem von den Jungtürken verübten Völkermord an den Armeniern auseinandergesetzt hat und dass – um dieses Versagen besser zu verstehen – eine Analyse der Überlegungen der genannten Denkerin und der Denker zum Holocaust hilfreich sein kann.

Das Vorhaben stützt sich dabei auf zwei tragende Säulen: Zuerst wird untersucht, welche Konsequenzen aus den Überlegungen Arendts zur Singularität, zum beispiellosen Charakter des Holocaust für den armenischen Genozid gezogen werden können. In einem weiteren Schritt werden ihre Ansichten zum Genozid allgemein im Lichte der Lemkinschen originären Konzeption bewertet. Danach konzentriert sich die Untersuchung auf Jaspers‘ und Arendts Analyse von Schuld bzw. Verantwortung unter besonderer Berücksichtigung von vier Gruppen: Tätern, Mitläufern, Nachfolgegenerationen und Opfern bzw. deren Nachkommen.

Eine solche vergleichende Analyse könnte helfen, ein tragfähigeres und auch belastbareres Konzept der kollektiven Verantwortung zu entwickeln, mit dem besonderen Schwerpunkt auf Anerkennung vergangener Ungerechtigkeiten. Darüber hinaus könnten die aus dieser Diskussion gewonnenen Erkenntnisse eine weitere wissenschaftliche, aber auch öffentliche Diskussion über die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern anregen.

Devrim Sezer ist Associate Professor für politisches Denken an der Universität für Wirtschaft in Izmir. Er hält einen Master in politischer Theorie der London School of Economics und ein Doktorat in Politikwissenschaft der kanadischen Carleton University. Seine Forschungsinteressen umfassen die Geschichte der politischen Philosophie, Theorien der Demokratie/des Republikanismus, der Literatur und des politischen Denkens, der Moderne und ihrer Kritiker sowie zeitgenössische Debatten über öffentliches Gedächtnis und kollektive Verantwortung. Er zeichnet für zahlreiche Artikel und Buchkapitel zur Geschichte des politischen Denkens und der europäischen Ideengeschichte.