Fellows

Durch den laufenden Austausch von Gastforscherinnen und -forschern in Form von Senior-, Research- und Junior-Fellowships, sichert das VWI die laufende Innovation seiner Forschungsagenden. Junge Forscherinnen und Forscher und erfahrene Wissenschafterinnen und Wissenschafter sollen so in einem wechselseitigen Dialog ihre Fragestellungen erarbeiten, die Ergebnisse in Form von Tagungen, Vorträgen und Publikationen der Öffentlichkeit präsentieren und ihr Wissen in laufende Forschungs- und Vermittlungsprojekte einbringen. Auf diese Weise bietet das jährlich ausgeschriebene Fellowship-Programm dem VWI die Chance, die besten und interessantesten Forscherinnen und Forscher unterschiedlichen Alters und aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen aus dem In- und Ausland nach Wien zu holen bzw. temporär an das Institut zu binden, ohne deren akademische oder sonstige Karrieren zu unterbrechen. Ziel des Programms ist es, durch eine breite Streuung des regionalen Hintergrunds, der methodischen Zugänge und die Mischung der akademischen Disziplinen die Diversität des Programms zu sichern.

Menü

Franziska A.
Karpinski

Junior Fellow
02/2018 - 06/2018

Verfechter von ‘Ehre’ und ‘Männlichkeit’.

Sozialer Druck, Gewalt und Bestrafung in der NS-Elite 1933-1945

Ausgehend von der TäterIforschung, der Untersuchung der gruppenspezifischen Dynamik innerhalb der SS und auf der Basis eines Close Readings, also einer sorgfältigen Interpretation von archivalischen Texten, insbesondere von SS-Befehlen, SS-internen Gerichtsunterlagen, privaten Briefen und interner Korrespondenz der SS-Führung, untersucht das Vorhaben, wie die Konzepte von ‚Ehre‘ und ‚Männlichkeit‘ innerhalb der SS definiert, verhandelt und praktiziert wurden – und wie diese Konzepte in der Folge gewalttätigen Peer-Interaktionen Auftrieb gaben. Begriffe wie ‚Ehre‘ und ‚Männlichkeit‘ wurden im ‚Dritten Reich‘ zu staatlich unterstützten Konstrukten. Sie waren mit der Ideologie des Nationalsozialismus und seinen juristischen, sozialen und politischen Einrichtungen verflochten und wurden auch als Konzepte in alltäglichen Interaktionen benutzt. Die SS, die sich selbst als Eliteorden politischer Soldaten im Dienste des Nationalsozialismus verstand, forderte von ihren Mitgliedern ein ‚SS-würdiges‘, d.h. ‚ehrenhaftes‘ Verhalten und bedingungslose Loyalität. Daher ist ein ganz besonderes Augenmerk darauf zu lenken, was als ‚SS-würdig‘ betrachtet wurde: Welche ‚Tugenden‘ und ‚Ideale‘ gab die SS-Führung den SS-Männern vor? Wie wurden Begriffe wie ‚Männlichkeit‘ und ‚Ehre‘ von der SS ‚besetzt‘ und in SS-Richtlinien und -Befehle eingebettet? Warum, wie und mit welchen Konsequenzen kam es zu dieser Aneignung? Welche Implementierungsmechanismen hatten die Aufgabe, ‚Männlichkeit‘ und ‚Ehre‘ in Instanzen zu übersetzen, die eine kameradschaftliche Beziehung – ‚peer interaction‘ – innerhalb der SS erst möglich machte?

Besondere Beachtung wird im Projekt auch folgender Sachverhalt finden: Strafe und Beschämung waren die Verfahrensweisen gegen die ‚Ehrlosen‘, also jene, die sich den vorgegebenen Regeln und Erwartungen widersetzten. Insbesondere schlug sich dies in Strafen nieder, die SS-gerichtlich verordnete Entlassungen, Ausschlüsse, Inhaftierungen, Disziplinarmaßnahmen und soziale Ächtung umfassten, wobei gerade Scham und Beschämung innerhalb der SS als Instrument sozialer Kontrolle und Bestrafung dienten. Eine Analyse von ‚Ehre‘, ‚Männlichkeit‘ und den damit einhergehenden emotionalen Dynamiken innerhalb der SS ermöglicht es, die für das NS-Regime typischen Prozesse der Radikalisierung – sowohl in ihrer gewalttätigen als auch in ihrer selbstzerstörerischen Natur – zu verstehen.

Franziska A. Karpinski, B.A. in Nordamerika-Studien der FU Berlin (2011), M.A. in Holocaust- und Genozidstudien der Universität Amsterdam (2012, cum laude), ist seit Herbst 2014 Doktorandin an der Loughborough University. Für weitere Archivrecherchen wurde ihr ein EHRI-Fellowship am IfZ in München bzw. beim ITS in Bar Arolsen verliehen. Ihre jüngste Publikation: Sexual Violence in the Nazi Genocide – Law, Gender and Ideology, in: Uğur Ümit Üngör, Genocide, New Perspectives on its Causes, Courses and Consequences, Amsterdam 2016.