Fellows
Durch den laufenden Austausch von Gastforscherinnen und -forschern in Form von Senior-, Research- und Junior-Fellowships, sichert das VWI die laufende Innovation seiner Forschungsagenden. Junge Forscherinnen und Forscher und erfahrene Wissenschafterinnen und Wissenschafter sollen so in einem wechselseitigen Dialog ihre Fragestellungen erarbeiten, die Ergebnisse in Form von Tagungen, Vorträgen und Publikationen der Öffentlichkeit präsentieren und ihr Wissen in laufende Forschungs- und Vermittlungsprojekte einbringen. Auf diese Weise bietet das jährlich ausgeschriebene Fellowship-Programm dem VWI die Chance, die besten und interessantesten Forscherinnen und Forscher unterschiedlichen Alters und aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen aus dem In- und Ausland nach Wien zu holen bzw. temporär an das Institut zu binden, ohne deren akademische oder sonstige Karrieren zu unterbrechen. Ziel des Programms ist es, durch eine breite Streuung des regionalen Hintergrunds, der methodischen Zugänge und die Mischung der akademischen Disziplinen die Diversität des Programms zu sichern.
Julie
Dawson
Traumatisches Erbe.
Eine Untersuchung der „Lebenskrise“ in den Tagebüchern jüdischer Überlebenden im Rumänien der frühen Nachkriegszeit
Im Jahr 2009 wurden in der verlassenen Synagoge einer Kleinstadt in Siebenbürgen vier Tagebücher entdeckt. Die mehr als 800 darin enthaltenen Einträge erstrecken sich über den Zeitraum von 1948 bis 1961 und dokumentieren die von Trauer und kurzem Triumph gezeichnete Nachkriegsexistenz einer jungen Überlebenden des transnistrischen Holocausts. Die Tagebücher von Blanka Lebzelter sind ein bemerkenswertes Zeugnis der alltäglichen Nöte und Entbehrungen von mittellosen Überlebenden nach den Verheerungen des Krieges und zugleich ein außergewöhnliches Werkzeug, das vielfältige Ansatzpunkte für Erkenntnisse über die Erfahrung von jüdischen Überlebenden im Rumänien der Nachkriegszeit und für die Analyse von Erscheinungsformen des Traumas im Alltagsleben bietet.
Das Forschungsvorhaben untersucht die Tagebücher aus unterschiedlichen Perspektiven: als einzigartiges Zeugnis der bislang noch kaum in den Blick genommenen Narrative von Überlebenden, und als Quelle, die ungeahnte Einblicke in die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen Rumäniens zur Nachkriegszeit ermöglicht. Meine Forschungsarbeit während der Laufzeit des Fellowships konzentriert sich darauf, die Bedeutung des Traumas im Leben Lebzelters zu erfassen, sowohl im Hinblick auf die ursprünglichen traumatischen Begegnungen, wie sie aus Archivmaterial und mündlicher Überlieferung hervorgehen, als auch auf das Durchleben und Ausagieren des Traumas, wie es in den Nachkriegsjahren in ihren Tagebüchern geschildert wird.
Julie Dawson ist Doktorandin am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Sie absolvierte Studeingänge an der Columbia University in New York und an der Northwestern University in Evanston und Chicago. Von 2010 bis 2019 war sie Mitarbeiterin am Leo Baeck Institut in New York, wo sie von 2012 bis 2019 ein Projekt zur Erschließung von Archivmaterial aus Siebenbürgen und der Bukowina leitete (jbat.lbi.org). Zudem war sie von 2016 bis 2019 als Forscherin für das EU Horizon 2020-Projekt TRACES: Transmitting Contentious Cultural Heritages with the Arts in Mediaș (Rumänien) tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind jüdische Geschichte der Bukowina, das kommunistische Rumänien, Frauengeschichte sowie Trauma und Memory Studies.