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Natan Sznaider
Senior Fellow (06/2017–08/2017)

 

Kontinuität und neue Perspektiven. Hannah Arendt und die Soziologie des Antisemitismus

 

SZNAIDERHannah Arendt hat sich nicht als Soziologin einen Namen gemacht. Ganz im Gegenteil. Sie teilte die Vorurteile viele ihrer Zeitgenossinnen und -genossen der Weimarer Republik gegen die Sozialwissenschaften und gegen die Soziologie im Besonderen. Allein ein 40.000 Worte umfassendes – erst 2007 im Sammelband The Jewish Writings veröffentlichtes – Manuskript über den Antisemitismus gehört wohl zu ihren am ehesten als ‚soziologisch‘ in engerem Sinn zu bezeichnenden Schriften und unterscheidet sich grundlegend von den später von ihr veröffentlichten und besser bekannten Studien zum Thema. Die in ihrer deutschen Originalfassung bis heute nicht publizierte Arbeit entstand in Hannah Arendts Exil in Frankreich Ende der 1930er-Jahre. Der Essay beginnt mit einer historischen Analyse jüdischen Lebens in Europa und beinhaltet eine Kritik sowohl der Assimilation als auch des Zionismus. Arendt stellt dabei das Aufkommen des modernen Antisemitismus im Zusammenhang mit dem Klassenkampf zwischen der deutschen Aristokratie und dem Bürgertum, den sie mit dem aufkommenden Nationalstaat kontextualisiert. Mit der Herstellung solcher historischer Zusammenhänge weist sie auch jegliche Essentialisierung des Antisemitismus zurück.

 

Auf einer allgemeineren Ebene kann argumentiert werden, dass die konservativen Kräfte befürchteten, dass die traditionellen Oberschichten, die gewissermaßen den Schlussstein des sozialen Gefüges bildeten, von Außenseitern durchsetzt werden, deren einziges Unterscheidungsmerkmal der Geldbesitz war. Unfähig die gesellschaftlichen Regeln von Achtung und Respekt, die den gesellschaftlichen Kitt bildeten, zu verstehen, würden diese ‚Neuankömmlinge‘ die Gesellschaft untergraben und letztlich zerstören. Diese Denkungsart und dieses Streben nach einer Vergangenheit, als persönliche Beziehungen für Authentizität gesorgt haben sollen, brandmarkt das Streben nach Geld letztlich als etwas Unauthentisches, Fremdes. Wenn die Gesellschaft als eine Einrichtung gedacht wird, die über persönliche Beziehungen zusammengehalten wird, dann kann Geld eben nur die Rolle des Agenten der Entpersonalisierung, des Agenten der Entmenschlichung zugewiesen werden. Aber trotz dieses scheinbaren Paradox‘ war es dennoch ein Leichtes, diesen vermeintlichen Agenten eben in der Person des Juden festzumachen: Die Identifikation von Juden und Geld – worüber sich ja Karl Marx in seinem Essay Zur Judenfrage den Kopf zerbrach – ist allzu bekannt.

 

Ausgehend von Arendts Theorie des Antisemitismus kann damit aber ein größerer Bezugsrahmen zwischen Modernität und Antisemitismus hergestellt werden.

 

Natan Sznaider wurde als Kind polnischer, nach dem Zweiten Weltkrieg staatenloser Shoah-Überlebender in Deutschland geboren. Als Erwachsener übersiedelte er nach Israel. Er ist Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv-Yaffo. 2016 lehrte er an der Ludwig-Maximilian Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fragen des kulturellen Gedächtnisses in Europa, Israel und Lateinamerika.

 

Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen: Memory and Forgetting in the Post-Holocaust Era. The Ethics of Never Again (gemeinsam mit Alejandro Baer), London 2017; Herzl reloaded. Kein Märchen, Frankfurt/Main 2016 (gemeinsam mit Doron Rabinovici); Gedächtnisraum Europa: Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus. Eine jüdische Perspektive, Bielefeld 2008; Holocaust and Memory in the Global Age, Philadelphia 2006; und Gesellschaften in Israel – Eine Einführung in zehn Bildern, Frankfurt/Main (in Druckvorbereitung).

 

 

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